Carpe Musicam – Nutze die Musik! (Teil 1)

Heutzutage wird Musik gerne auf eine persönliche „Geschmackssache“ reduziert. Was aber, wenn der Musik eine viel bedeutendere, geheime und schöpferische Macht innewohnt, die in einem weit umfassenderen Maße auf den Menschen einwirkt, als man allgemein annimmt?

Liebe Leser, liebe Musikhörer, habt ihr ein Ohr für einige „unerhörte“ Geschichten über die Musik? Dann spitzt eure Lauscher und lasst mich euch ein wenig von dem Mysterium Musik erzählen!

Wie in der Musik, so im Leben

Beginnen möchte ich mit einer Geschichte aus dem alten China: Da gab es einen Kaiser namens Schun (2240 v. Chr.), der einmal im Jahr durch die Provinzen reiste, um sich über den Zustand des Landes und seiner Bewohner zu informieren. Das tat er allerdings nicht anhand irgendwelcher Wirtschaftsberichte oder Gutachten, sondern indem er die Tonhöhen der in den jeweiligen Regionen gespielten Musik überprüfte. Er verglich sie mit den von seinen Musikministern (sic!) im Einklang mit dem sogenannten kosmischen Ton (gleichbedeutend mit dem indischen „OM“) hergestellten Instrumenten. Wichen die Töne von der „staatlichen“ Tonleiter ab, so befanden sich nach Ansicht des Kaisers die Menschen in einer Unbalance, welche sich auf die wirtschaftlichen und sozialen Belange dieser Region negativ auswirkte.
Denn: Musik war damals die höchste aller Wissenschaften, derer sich alle Ämter unterzuordnen hatten. In manchen Dynastien unterhielt man am Hofe zahlreiche Orchester mit jeweils mehr als fünfhundert Musikern. Die alten Chinesen waren nämlich der Ansicht, dass ganze Zivilisationen durch die vorherrschende Musikweise geprägt werden und dass das Wohl einer Nation von der sich möglichst im Einklang mit dem universellen Klang befindlicher Musik abhängt.
Deshalb kam der Musik als unmittelbarste Ausdrucksform der göttlichen Urschwingung im alten China, aber auch im alten Ägypten, im pythagoreischen Griechenland oder in Indien, eine besondere und vor allem äußerst verantwortungsvolle Aufgabe zu, die sich in einem Grundgedanken zusammenfassen lässt: Wie in der Musik, so im Leben.
Entgegen der heutigen Auffassung, dass eine Gesellschaft die Musikarten hervorbringt, war man damals genau anderer Ansicht: Die Musik bringt die Gesellschaft hervor. Daher war es wichtig, dass in der rechten Weise musiziert wurde. Und zwar nicht nur zur Unterhaltung, sondern – man denke an die tausendköpfigen Orchester der Chinesen – zur Erschaffung und Aufrechterhaltung eines musikalischen Energiefeldes, welches sich über die ausbreitenden Schwingungen positiv auf das ganze Land auswirken würde.

„Die Einführung einer neuen Art von Musik muss vermieden werden, da sie das gesamte Staatswesen gefährdet. Denn die Musikstile werden niemals gestört, ohne dass nicht auch die wichtigsten politischen Institutionen davon beeinträchtigt würden.“
(Platon)

Der Einfluss der abendländischen Komponisten

Die Bedeutung der Musik auf die Entwicklung der abendländischen Zivilisation legte der Komponist Cyril Scott, ein Zeitgenosse Debussys, zum ersten Mal dar. Laut seinen Ausführungen hatten die großen Komponisten Europas einen weitreichenden Einfluss auf die Gesellschaftsstrukturen, die sich vor allem nach deren Musikschaffen bemerkbar machten. So prägte beispielsweise Händels Ehrfurcht erweckende Musik das fromme viktorianische Zeitalter in England. Bach wirkte insbesondere auf die Mentalebene ein und bereitete einen fruchtbaren Boden für die Dichter, Philosophen und nachfolgenden Komponisten des 19. Jahrhunderts. Beethoven rührte an das unter den religiösen Dogmen seiner Zeit verkümmerte Mitempfinden, und setzte damit die Wohltätigkeitsbewegungen in Gang und war zusammen mit Mendelssohn Wegbereiter für die Psychoanalyse. Schumanns Musik rückte die Kinder als eigenständige Wesen in den Fokus. Wagner inspirierte zu einem spirituellen Gefühl der Einheit, während Debussy mit seinen impressionistisch naturalistischen Klängen die Grundlagen für ein ökologisches Bewusstsein schuf.
Das Faszinierende an dieser Sicht- bzw. Hörweise ist, dass Musik durch das beim Erklingen erzeugte Energiefeld am persönlichen Geschmack vorbei und über die unmittelbare Einwirkung auf den individuellen Hörer hinaus eben auch einen geheimen, fast magischen Einfluss auf eine ganze Region oder ein ganzes Land ausüben kann, und damit gewissermaßen den Zeitgeist prägt, anstatt aus ihm hervorzugehen.
Betrachtet man die Geschichte der Menschheit somit aus musikalischer Sicht, lassen sich erstaunliche Rückschlüsse ziehen. (Darauf will ich an anderer Stelle ausführlicher eingehen, ebenso auf die, das Individuum betreffende, positiven Effekte des Selbermusizierens und bewussten Musikhörens, zu denen es mittlerweile zahlreiche Belege gibt).
Eine Frage, die ich mir hinsichtlich dieser Philosophie (möglichst wertungsfrei) stelle und zu der ich dich, lieber Leser, anregen will, lautet: Was würde Kaiser Schun zu unserem heutigen Umgang mit Musik sagen, die allgegenwärtig und vielgestaltig aus Radios, Fernsehern, Handys, in Konzerthallen, Clubs und Cafés erklingt und uns mehr oder weniger bewusst dauerbeschallt?
Wir Menschen haben, gerade in den letzten Jahrzehnten, einen immer bewussteren Umgang mit unserer Ernährung entwickelt und uns damit vor allem um die „Nahrung für den Körper“ gekümmert. Wenn Musik nun „Nahrung für die Seele“ ist, könnten wir dann nicht auch einen bewussteren Umgang mit Musik anstreben, der uns, die Erkenntnisse der alten Kulturen in Erinnerung rufend, für unsere angestrebten persönlichen wie gesellschaftlichen Ziele dienlich ist?

„Unser tatsächliches Paradies schaffen wir uns am besten selbst, zum Beispiel über die Musik.“ (Klaus Doldinger)

Herzlich,
Euer Sebastian Sylla

 

Mehr dazu:

„Wie in der Musik, so im Leben“ (pdf)
Artikel aus dem Magazin „Das Wesentliche“, Ausgabe Nov/Dez 16

„Die geheime Kraft der Musik“ (pdf)
Artikel aus dem Magazin „Körper, Geist, Seele“, Berlin Ausgabe 5, 2017

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